„Drunter und Drüber“: Schauspielerin Susanne Wuest im spannenden Talk

Bekannt für ihre vielseitigen und intensiven Rollen, insbesondere in Filmen wie „Ich seh, Ich seh“, hat sich Susanne Wuest sowohl in der österreichischen als auch in der internationalen Filmszene einen Namen gemacht. Mit einer Fülle an neuen Projekten in petto, werden wir in den nächsten Monaten noch viel mehr von ihr sehen.

Unter anderem in dem von Amazon Prime produzierten Serie „Drunter und Drüber“. Diese spielt auf einem Wiener Friedhof auf dem es Dank der (lebenden) Belegschaft ziemlich rund geht. Der Streaming-Start ist bislang „für 2025“ angesetzt. Susanne Wuest spielt darin eine Totengräberin.

Mit dem Horrorfilm „Ich seh, Ich seh” (2014) schaffte Susanne Wuest den internationalen Durchbruch. Vor 10 Jahren war sie allerdings schon längst keine Newcomerin mehr, sondern hatte damals bereits 9 Filme in der Filmographie zu verzeichnen.

Trailer: „Ich seh, Ich seh“ – Produktion „Ulrich Seidl Film“

Was Kritiker:innen und Cineast:innen bei den 71. Filmfestspielen in Venedig zu sehen bekamen, zementierte jedoch nicht nur ihren Ruf als Charakterdarstellerin, sondern war auch eine schauspielerische Leistung, die selbst Naomi Watts 2022 mit dem US-Remake “Goodnight Mommy” nicht erreichen konnte. Denn es ist genau jene Qualität, die Wuest perfektionierte: Charaktere mit Tiefgang zu schaffen, die mit intensiver Komplexität ausgestattet, in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lassen.

Wie ihr Mode hilft in Rollen zu schlüpfen, warum Kontrollverlust Potential hat magisches zu erschaffen, und was eine gute Geschichte ausmacht, hat Susanne Wuest mit EntreNous besprochen.

Susanne Wuest: Die (Un)Kontrollierte

Sie arbeiten gerade an verschiedenen Projekten. An welchen Drehorten waren Sie in letzter Zeit?

Susanne Wuest: „In Kent, am Set eines britischen Kinofilms mit Honor Swinton Byrne, der Tochter von Tilda Swinton. Ein weiterer Film, der gerade in der Postproduktion ist, heißt ‚Die Diplomatin‘, der in Rom gedreht wurde.“

Gibt es ein Film oder ein Theaterstück, das Sie in ihrem Leben beeinflusst hat?

Susanne Wuest: „Ich fand 1994 Emilia Galotti am Volkstheater mit Andrea Eckert wahnsinnig spannend. Die Inszenierung war großartig. Damals war ich noch sehr jung und habe zum ersten Mal eine solch komplexe Geschichte verstanden. Wenn ich jetzt allerdings darüber nachdenke, weiß ich nicht, ob man immer alles verstehen muss. Ich kann vor einem Bild stehen und muss nicht wissen, wie der Künstler z.B. aufgewachsen ist, um berührt zu werden. Das gleiche gilt für Filme. Es ist gut, wenn eine Geschichte Mystik hat, nicht alles offenlegt und uns dadurch einfängt und beschäftigt. Es ist viel spannender, wenn wir Dinge nicht unter Kontrolle haben. Und so ist es auch mit der Kunst. Wenn ich will, dass etwas Magisches passiert, muss ich auch potentielles Scheitern in dem Moment akzeptieren.“

Susanne Wuest
Susanne Wuest im Film „Antares“ | Copyright: Nick Albert – Lotus Film

Was ist denn bei Ihnen jemals schiefgegangen?

Susanne Wuest: „[lacht] Es gibt schon Momente, wo ich mich auf Experimente eingelassen und auf ein größeres Potential gehofft habe, das dann nicht im erwünschten Maße eingetreten ist.“

Verlassen Sie sich beim Spielen immer auf den Moment?

Susanne Wuest: „Es gibt ja viele Schauspieler:innen, die sich eine Figur in all ihren Facetten erst ausmalen, bevor sie ans Set gehen. Ich glaube, ich taktiere beim Spielen. Das Skript kenne ich im Vorhinein wirklich gut, beschäftige mich aber nicht mit all dem, was rund um meine Figur herum passiert. Schließlich wissen wir im echten Leben auch nicht, was gerade parallel passiert. So darf ich mich nur mit dem beschäftigen, was meine Figur mitbekommen kann. Ich komme ans Set, lasse mich auf meine Partner:innen ein und vertraue der Regie, dass am Schluss alles zusammen passt.“

„Wenn ich will, dass etwas Magisches passiert, muss ich auch potentielles Scheitern akzeptieren.“

Susanne wuest über die gabe loszulassen

Gibt es eine Rolle in der Filmgeschichte, die sie gerne gespielt hätten?

Susanne Wuest: „Wenn ich eine Rolle gespielt hätte, wäre es zu einem anderen Ergebnis gekommen. Die Mischung der richtigen Leute hat den Film zu dem gemacht, der er ist. Das ist wie beim Kochen. Verändert man die Zutaten, kommt etwas ganz anderes raus.

Susanne Wuest bei den Dreharbeiten des Films Leica
Susanne Wuest bei den Dreharbeiten des Films Leica

Und wahrscheinlich kommt es auch auf die „Kochzeit“ an. Werden Filme manchmal zu lange gegart?

Susanne Wuest: „Im Moment geschieht leider das Gegenteil. Als ich begonnen habe, wurde trotz 10 bis 12 Stunden langen Drehtagen, sehr wenig gedreht, aber dafür sehr exakt. Irgendwann ist man dann drauf ge-kommen, dass man das Dreifache in der Zeit kann. Aber nur weil etwas funktioniert, heißt es nicht, dass es gut ist. Denn einen Film zu machen, ist wie kochen – es braucht Zeit. Man muss die anderen Partner:innen kennenlernen, proben, drehen, schneiden, den Film zur Seite legen und ruhen lassen und sich dann wieder daran setzen.“

Hat diese gezwungene Schnelligkeit nicht generell etwas mit der Zeit zu tun in der wir leben?

Susanne Wuest: „Ja, aber was bringt es uns schneller zu agieren? Das nimmt uns sehr viel Lebensqualität. Diese Schnelligkeit hat etwas entwurzelndes. Ich bin vor der Pandemie viel geflogen, man konnte an einem Tag in drei verschiedenen Städten sein, dabei geradezu die Naturgesetze aushebeln. Das hat aber seinen Preis, es zehrt aus. Heute gehe ich anders mit Anfragen um und treffe bewusstere Entscheidungen.“

„Ja, aber was bringt es uns schneller zu agieren? Das nimmt uns sehr viel Lebensqualität. Diese Schnelligkeit hat etwas entwurzelndes.“

susanne wuest

Susanne Wuest: „Ich finde ihn großartig. Egal in welchem Film er ist, er spielt stets mit einem Augenzwinkern. Ich habe jeden Guillermo del Toro Film gesehen, wo er mitspielt. Genauso wie die Serie ‚God’s Hand‘. Darin spielt er einen Richter, der glaubt mit Gott zu sprechen und halluziniert. Auf eine ganz böse Art und Weise ist das sehr lustig. Pearlman muss einen großartigen Humor haben, um so spielen zu können!“

Apropos Humor! Sie spielen mehr in Dramen als Komödien. Würden Sie das gerne ändern?

Susanne Wuest: „Ich würde das wahnsinnig gerne machen und bin sehr dankbar, dass ich gerade in ‚Drunter und Drüber‘ (Amazon-Prime, Start 2025, Anm.) spielen durfte. Ich glaube, ich brauche diese Art von schwarzer Komödie. Das liegt mir eher als Komödien á la Nestroy. In ‚Drunter und Drüber‘ geht es um einen Friedhof und dessen Leitung, die Julia Jentsch in der Serie zugesprochen bekommt. Nicholas Ofczarek spielt ihren Widersacher und kommt damit überhaupt nicht zurecht und macht ihr und sich das Leben schwer. Meine Figur kann damit unbefangener umgehen, denn ich spiele eine Bestatterin, die freiwillig mit dem Friedhof zu tun hat und dort ein und aus geht.“

„Es ist viel spannender, wenn wir Dinge nicht unter Kontrolle haben.“

Susanne Wuest

Die Tatsache, dass es um einen Friedhof geht – das ist doch schon sehr österreichisch, oder?

Susanne Wuest: „Nicht nur das. Im österreichischen Film kommt es oft vor, dass Figuren nicht steril und perfekt sind. Das ist hier auch so. Dadurch kann man sich besser mit ihnen identifizieren.“

Susanne Wuest im Film "Leica" mit Patrick Güldenberg
Susanne Wuest im Film „Leica“ mit Patrick Güldenberg | Produktion: Marauder Film

Sie haben in letzter Zeit viel mit Regisseurinnen gedreht. Ist das eine Auswirkung der #metoo Ära, dass man über Machtverhältnisse anders denkt und dadurch mehr Diversität auch auf diese Ebene kommt?

Susanne Wuest: „Das hat mehr mit einer Generation zu tun aus der z.B. Sabine Derflinger stammt. Diese hat sich das wirklich härtest erkämpft. All diese großartigen Frauen, die jetzt Mitte 30 sind und nach vorne drängen, werden dann wiederum für die nächsten Generationen den Boden bereiten. Ich schätze aber, dass es noch ein bis zwei Generationen braucht, bis sich Regisseurinnen auch ihre Teams so zusammenstellen können, um sich nicht in bestimmten Situationen erklären zu müssen.“

„Einen Film zu machen, ist wie kochen – es braucht Zeit.“

susanne wuest

Mode ist ein nicht unerheblicher Teil in Filmen. Wie beeinflusst die Garderobe die Gestaltung Ihrer Rollen?

Susanne Wuest: „Sehr stark. Wie ein:e gute Kostümbildner:in oder Maskenbildner:in arbeitet, trägt viel dazu bei, wie man seine Figur auch fühlt. Für den Film ‚The doctor says, I’ll be alright but feeling blue‘ von Mascha Schilinski der um 1910 spielt, hat sich das Hair & Make-up Team damit auseinander gesetzt, wie die Haarstruktur dieser Zeit war. Für den Dreh haben wir Seifenpaste in die Haare bekommen, die wir solange wie möglich – also tagelang – drinnen lassen mussten. Das war natürlich eine Herausforderung, aber es ist außergewöhnlich, was es mit einem macht! Ich habe vorher schon gesagt, ich konzentriere mich auf meine Partner. Das ist beim Kostüm auch so. Das bringt uns Schauspieler:innen dann in eine bestimmte Haltung.“

Susanne Wuest The Doctor Say
Susanne Wuest im Film „The doctor says, I’ll be alright but feeling blue“ von Mascha Schilinski | Produktion: Studio Central

Haben Sie sich schon einmal gedacht, dass sie sich etwas nach dem Film mitnehmen?

Susanne Wuest: „Das mache ich selten. Man verbringt zwar viel Zeit in einem Kostüm, aber es funktioniert nur am Set. Wenn man es von dort mitnimmt, verliert es seine Wirkung.“

Ist es nicht ein Erinnerungsstück?

Susanne Wuest: „Ich glaube, ich tendiere nicht dazu diese Dinge zu sammeln, wie andere Kolleg:innen. Von Drehs und Filmen, die ich in Erinnerung behalten möchte, lasse ich das Skript binden und bewahre darin Fotos und Karten auf.“

Sie gehen zwar nicht gerne auf Events, aber wenn es doch passiert: Gibt es Designer:innen, die sie am Red Carpet besonders gerne tragen?

Susanne Wuest: „Ich finde die Sachen von Iris van Herpen unglaublich und liebe Erdem. Einmal habe ich auf einem Filmfestival Dolce & Gabbana getragen und dachte, ich laufe in einem Gemälde herum. Auch Dorothée Schumacher finde ich großartig.“

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