Ayahuasca in Österreich: Zwischen Trend und Tradition

Ayahuasca – ein Wort, das längst nicht mehr nur in spirituellen Kreisen geflüstert, sondern auch in Lifestyle-Magazinen (wie diesem hier) und sozialen Netzwerken laut ausgesprochen wird. Die Heilpflanze aus Südamerika ist mit ihren bewusstseinsverändernden Eigenschaften im Mainstream angelangt. Für EntreNous hat Vanessa Payerl mit Dominique Greger gesprochen, die im Zentrum AyaVision mitwirkt, wo Menschen Ayahuasca in Österreich erleben können.
Ayahuasca wurde in der westlichen Welt als magischer Schlüssel bekannt, um spirituelle Erfahrungen und neue Selbsterkenntnisse zu erlangen. Für indigene Bevölkerungsgruppen Südamerikas ist es eine heilige Zeremonie, die Teil ihrer Glaubenspraktiken ist. Während der Zeremonie wird ein halluzinogener Tee, der aus einer speziellen Liane gebraut wird, eingenommen.
Was anschließend passiert, kann man mit einer tiefenpsychologischen Erfahrung vergleichen, die stets höchst individuell ist. Dass man dabei seinen Traumata begegnet und anschließend besser in der eigenen Psyche integrieren kann, ist einer der wichtigsten Aspekte. Doch es geht darüber hinaus. Mit der wachsenden Popularität dieses Rituals aus dem Amazonas entsteht auch eine Diskussion über Kulturaneignung, Risiken und die feine Grenze zwischen authentischer spiritueller Praxis und der Vermarktung dieser als trendy Lifestyle-Erlebnis. Und wie sieht es mit Ayahuasca in Österreich aus?
Im oberösterreichischen Molln gibt es seit 2019 die Möglichkeit, an in Österreich legalen Ayahuasca-Zeremonien teilzunehmen. Über 700 Personen aus der ganzen Welt waren seither dort.
Wir haben mit der Zeremonienleiterin Dominique Greger über die Faszination der Pflanzenmedizin gesprochen.

Du begleitest seit 2023 regelmäßig Ayahuasca-Zeremonien. Wie bist du das erste Mal damit in Berührung gekommen?
Ich bin durch meinen Partner auf Ayahuasca gekommen. Eine Woche, bevor wir uns kennen-gelernt haben, hat er eine Zeremonie besucht. Ich hatte aber immer eine ablehnende Einstellung zu bewusstseinsverändernden Substanzen gehabt und anfangs kam das auch gar nicht infrage für mich. Danach habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, viel gelesen und viel recherchiert. Meine Intention war ganz klar und dann war ich mir sicher, dass ich es das erste Mal probieren möchte.
Ayahuasca in Österreich
Wie läuft eine Ayahuasca-Zeremonie in eurem Zentrum ab?
Unsere Retreats dauern 3 Tage und beginnen mit einem Kennenlerngespräch. Es wird erklärt, wie die Medizin wirken kann. Am Tag der Ankunft gehen wir erst gemeinsam mit den Teilnehmer:innen spazieren oder Eisbaden. Abends wird die Pflanzenmedizin eingenommen. Dabei kann es zu körperlichen Reaktionen wie Schwitzen und Erbrechen kommen. Geistige Aspekte können ebenfalls Teil davon sein, also dass es zu Visionen kommt, man Stimmen oder Frequenzen wahrnimmt. Es kann aber auch sein, dass man nur wenig bis gar nichts spürt. Die Medizin gibt uns genau das, was wir brauchen und integrieren können. Die Zeremonie selbst dauert etwa 4-5 Stunden. Am nächsten Tag findet das Sharing statt. Für einen guten Ablauf ist eine klare Intention wichtig, aber auch eine gut geplante Vorbereitung und eine bewusste Integration.
Ayahuasca in Österreich
Wie sicher ist Ayahuasca? Wird Ayahuasca in Österreich nicht als illegale Droge klassifiziert?
Wir führen nur Zeremonien durch, wie sie in Österreich legal sind – ohne externes DMT (Dimethyltryptamin). Dafür arbeiten wir mit der Ayahuasca-Liane und der syrischen Steppenraute. Beide beinhalten MAO-Hemmer (wie sie auch in Antidepressiva zu finden sind, Anm.), um das körpereigene DMT erlebbar zu machen.
Du warst dieses Jahr in Peru, um den Ursprung der Pflanzenmedizin kennenzulernen. Erzähle uns bitte davon!
Die Shipibo-Conibo-Schamanen, die ich in Peru für ein Ayahuasca-Retreat besucht habe, arbeiten wie Chirurg:innen. Sie nehmen die Medizin bei der Zeremonie ebenso ein und bearbeiten dich energetisch dabei mit ihren Gesängen von oben bis unten. Ihre einzige Intention ist es, Heilungen durchzuführen. Das ist unter anderem der Unterschied zu unseren Retreats. Als Zeremonieleitung und Assistenz trinken wir selbst nicht mit. Wir sind da, um den Raum zu halten und die Teilnehmer:innen zu unterstützen, wenn sie etwas brauchen. Wir singen Heillieder, Mantren und spielen zur Stimmung angepasste Musik. Außerdem arbeiten wir in einem therapeutisch gruppenzentrierten Kontext. Die Schamanen hingegen arbeiten in einem schamanistisch kulturellen Kontext.

Gibt es Gründe, welche die Teilnahme an einer Zeremonie ausschließen?
Selbstverständlich gibt es Ausschlussgründe für eine Einnahme, wie Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Schwangerschaft etc. Es gibt einen Gesundheitsfragebogen, der vorher ausgefüllt werden muss. Wir arbeiten mit mehreren Ärzt:innen sowie mit der Plattform Psychedelics Integration zusammen, die helfen, wenn jemand spezielle Fragen hat oder Unterstützung benötigt. Ayahuasca nutzen wir mit bewusster Absicht, gezielter Vorbereitung und Integration sowie in einem idealen Setting. Deshalb sehe ich es auch als Medizin.
„Für mich ist das Ziel, Balance und Klarheit in der Mitte zu leben.„
dominique greger
Als du das erste Mal selbst teilgenommen hast – hattest du Bedenken oder Ängste?
Als ich das Glas zum ersten Mal in der Hand hatte, hatte ich sehr viel Respekt und war nervös. Ich wusste ja nicht, wie es wirkt. Werde ich Visionen haben, was passiert mit meinem Körper und Geist? Aber es war etwas in mir, das gesagt hat, dass es wichtig für meinen Weg ist. Seither unterstütze ich Philipp, den Gründer des AyaVision Zentrums in Molln. Mehr Informationen dazu bekommt man übrigens auf ayahuasca.at
Woher kommt deiner Meinung nach der Ayahuasca-Trend? Warum kommen Menschen zu euch?
Viele Menschen suchen nach Zufriedenheit und Heilung, weshalb der Weg der Pflanzenmedizin für viele attraktiv ist. Sie hoffen, tiefsitzende Probleme zu erkennen und aufzulösen. Studien zeigen zunehmend, dass Pflanzenmedizin bei verschiedenen Krankheitsbildern positive Veränderungen bewirken kann. Letztlich geht es – ähnlich wie bei Yoga oder anderen spirituellen Praktiken – darum, sich wohler zu fühlen und ein erfülltes Leben zu führen. Für mich spiegelt Ayahuasca das tägliche Leben wider: Unsere Themen und Blockaden werden uns gezeigt, nur in einer Zeremonie oft viel klarer und intensiver als im Alltag.
Du bist auch Mentaltrainerin – würdest du sagen, es fehlt unserer Erde an innerer Balance?
Wir identifizieren uns oft so stark mit äußeren Rollen, dass wir die Verbindung zu uns selbst verlieren. In der heutigen Zeit des schnellen Wandels können Fragen nach dem Sinn des Lebens verwirren und überfordern. Die Dualität von Hell und Dunkel, Gut und Böse verstärkt diese Unsicherheit – doch gerade in den Extremen liegt der Schlüssel, den Mittelweg zu finden. Für mich ist das Ziel, Balance und Klarheit in der Mitte zu leben.
Buch-Tipps für Ayahuasca
„Der Spirit von Ayahuasca: Uralte Pflanzenzeremonien für Heilung und spirituelles Erwachen“ von Joseph Tafur
„Die Sprache des Atems: Der direkte Weg zu körperlicher und seelischer Gesundheit“ von Jesse Coomer
„Yoga, Tee, LSD: Bewusstseinsveränderung in Wissenschaft und Alltag“ von Andrea Jungaberle
Mehr über das Thema Ayahuasca in Österreich erfährst du hier.
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Dieser Artikel ist im EntreNous Magazin N°4 erschienen.
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